Warum bedürfnisorienterte Erziehung im alltag scheitert

Und warum das (fast) immer an dir liegt

Bedürfnisorientierung (BO)

Inhaltsverzeichnis

Mal ganz ehrlich: Kennst du das? Du hast dir fest vorgenommen, alles anders zu machen als deine Eltern. Kein Anbrüllen, keine Strafen, kein „Weil ich das sage“. Du wolltest Bedürfnisorientierung, du wolltest diese friedvolle Kindheit auf Augenhöhe. Und dann? Dann sitzt dein Kind im Flur, verweigert zum zehnten Mal die Schuhe, und in dir steigt diese unkontrollierbare Hitze auf, bis du kurz vorm Explodieren bist.

Am Ende wird dann doch geschrien, die Tür geknallt und, wenn wir ehrlich sind, oft bist du diejenige, die danach im Badezimmer sitzt und heult. Vor Frust, vor Scham und weil du dich wie eine Versagerin fühlst.

Ich kenne das. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Theorie an der harten Realität zerschellt. In meiner eigenen Mutterschaft gab es Momente, in denen ich meine ältere Tochter für ihr Verhalten gegenüber ihrer kleinen Schwester zutiefst verurteilt habe. Ich konnte ihre Not, die Eifersucht, die Angst um ihren Platz in der Familie, nicht sehen. Stattdessen habe ich sie für ihr Verhalten bestraft und sie mit ihren großen Gefühlen allein gelassen. Ich habe genau das reproduziert, was ich selbst als Kind erlebt hatte: Wenn du „schwierig“ bist, bist du allein.

Der Wendepunkt war die Erkenntnis: Bedürfnisorientierung (BO) und die Verbindung mit meinen Kindern ist das Ziel, Gewaltfreie Kommunikation (GFK) mein Weg dorthin.

Über Marina Schneider Marshall Rosenberg GFK

Die BO-Falle: Wenn das Ideal an der Realität zerschellt

Oft werden Bedürfnisorientierung (BO) und Gewaltfreie Kommunikation (GFK) als Konzepte gegeneinander ausgespielt. Für mich ist es so: BO ist das „Was“, also die Haltung, dass jedes Verhalten ein Versuch ist, ein Bedürfnis zu erfüllen. GFK greift genau diese Haltung auf und ergänzt es um das „Wie“, GFK ist die Struktur mit der ich das im Stress überhaupt erst umsetzen konnte. Wie soll ich mich um Bedürfnisse kümmern, wenn ich keinen Weg kenne, sie herauszufinden?! Ohne das Handwerkszeug der GFK bleibt die Bedürfnisorientierung oft nur ein schöner Traum, der beim ersten Gegenwind in sich zusammenfällt.

Bedürfnisorientierung ist eine Haltung

Um Klartext zu sprechen: Wenn du die Haltung der Bedürfnisorientierung nicht kapierst, landest du im Chaos. Und das ist dann kein Erziehungsstil, sondern Arbeitsverweigerung. Wenn wir die Verantwortung komplett an die Kinder abgeben, ist das unterlassene Hilfeleistung in der Elternschaft.

Viele Eltern (und ich gehörte lange dazu) nutzen BO wie eine moderne „Methode“, die man anwendet, damit das Kind endlich „funktioniert“, nur eben ohne Schimpfen. Aber GFK ist keine Methode, die man anwendet, damit Ruhe im Karton ist. Bedürfnisorientierung ist eine Haltung.

Gewaltfreie Kommunikation funktioniert nicht

Wenn du die GFK nur als Technik einsetzt, um dein Kind zu manipulieren, merkst du schnell: Das funktioniert nicht. Dein Kind merkt das. Und du wirst laut, obwohl du „alles richtig“ gemacht hast. Warum? Weil es dir nicht um Verbindung geht, sondern um Kontrolle. Und das geht nach hinten los.

Hier kommt meine Ansage, die du vielleicht nicht hören willst, die dich aber weiterbringt: Bedürfnisorientierung scheitert nicht, weil das Konzept falsch ist. 

Sie scheitert an deinen Erwartungen, tief sitzenden Missverständnissen und daran, dass du versuchst, ein Flugzeug zu fliegen, für das du nie eine Ausbildung erhalten hast.

Daher räume ich in meiner Arbeit auf mit den typischen Missverständnissen der bedürfnisorientierten Erziehung:

Die 5 größten Irrtümer: Warum deine BO eigentlich Laissez-faire ist

Mythos 1: „Es zählen nur die Bedürfnisse des Kindes“

Hör auf, dich selbst zum Fußabtreter zu machen. Viele verwechseln Bedürfnisse mit Wünschen. Wenn dein Kind den zehnten Keks will, ist das ein Wunsch, kein lebensnotwendiges Bedürfnis. Wer sich nur ums Kind dreht und seine eigenen Bedürfnisse (Ruhe, Struktur, Selbstbestimmung) in die Tonne kloppt, landet im Burnout. Und ein ausgebranntes Elternteil ist für niemanden ein Gewinn. Viele Eltern rutschen in eine totale Selbstaufgabe. Ein Kind lernt Empathie nicht dadurch, dass seine Eltern keine Bedürfnisse haben, sondern dadurch, dass es erlebt, wie Bedürfnisse (auch die der Eltern!) gewahrt werden. 

Merksatz: Deine Bedürfnisse zählen genauso viel wie die deines Kindes. Punkt.

Mythos 2: „Kinder dürfen alles entscheiden“ (Die Angst vor der Führung)

„Was willst du essen?“, „Was willst du anziehen?“, „Wann willst du ins Bett?“. Ganz ehrlich: Damit überforderst du dein Kind maßlos. Du bist die Pilotin! Dein Kind braucht keine Kumpeline, sondern jemanden, der den Rahmen vorgibt. Führung auf Augenhöhe heißt nicht, dass das Kind das Steuer übernimmt. Es heißt, dass du das Flugzeug sicher fliegst, während du die Passagiere im Blick behältst. Du siehst dein Kind mit seinen Bedürfnissen, auch wenn die nicht immer sofort erfüllt werden. Das ist Empathie. Und dann hilfst du, deinem Kind mit Herausforderungen und Frust umzugehen.

Du kannst davon ausgehen: Ohne Ansage fühlt sich ein Kind nicht frei, sondern hilf- und schutzlos. Und der nächste Wutausbruch ist vorprogrammiert.

Mythos 3: „Die GFK-Schablone: Ich mache doch schon alles!“

Das war mein härtester Aha-Moment. Ich dachte: „Wenn ich jetzt brav die vier Schritte der GFK anwende (Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte), dann MUSS mein Kind doch kooperieren!“ Wenn mein Kind dann trotzdem „Nein“ gesagt hat, bin ich völlig ausgetickt. Ich fühlte mich betrogen vom Konzept. Warum? Weil ich GFK als Waffe benutzt habe, um meinen Willen durchzusetzen. Ich wollte, dass es funktioniert. Dass mein Kind funktioniert, wie ich als Mama ja schließlich auch ständig funktionieren muss.

Die Wahrheit ist: Echte GFK beginnt erst da, wo du ein „Nein“ akzeptieren kannst, ohne das Kind dafür zu verurteilen. Alles andere ist verkleideter Gehorsam.

Mythos 4: „Nein sagen ist verboten“

Wir haben Angst, dass ein „Nein“ die Bindung kaputt macht. Das Gegenteil ist der Fall. Ein klares, ehrliches Nein ist ein Ja zu dir selbst. Grenzen sind keine Schikane, sondern Leitplanken. Ohne Leitplanken knallt dein Kind gegen die Wand. Und noch viel wichtiger: Dein Kind lernt durch dein „Nein“, wie man Grenzen setzt. Wenn du keine Grenzen ziehst, wie soll dein Kind dann lernen, sich später selbst zu schützen? Gegenüber Fremden, bei Übergriffigkeiten oder im Freundeskreis? Ein klares Nein ist geführter Selbstschutz.

Die Wahrheit ist: Echte GFK beginnt erst da, wo du ein „Nein“ akzeptieren kannst, ohne das Kind dafür zu verurteilen. Alles andere ist verkleideter Gehorsam.

Mythos 5: „Kinder werden zu Tyrannen“

Häufig kommt die Kritik von außen: „Du ziehst dir einen Egoisten ran!“ Das ist völliger Quatsch. Kinder wollen kooperieren. Das liegt in ihrer Natur. Kinder haben ein tiefes Interesse daran, sich in die Gemeinschaft einzufügen. Sie tun es aber nur, wenn sie sich gesehen fühlen. Ein Kind, das „tyrannisch“ wirkt, ist meistens ein Kind, das keine Führung bekommt oder dessen Tank einfach leer ist. Wenn du einen „Tyrannen“ siehst, geh immer davon aus: Dieses Kind ist in Not und wendet gerade die einzigen ihm möglichen Strategien an, die es zur Verfügung hat. Das gilt übrigens auch für dich, wenn du dich wie die gefühlt schlechteste Mama aller Zeiten verhältst.

Mein Lieblingszitat in diesem Zusammenhang: „Die Schönheit eines Menschen zu sehen, ist dann am nötigsten, wenn er auf eine Weise kommuniziert, die es schwer macht, sie zu sehen.“ (Marshall B. Rosenberg)

Der „leere Krug“: Warum du keine Empathie geben kannst, wenn du am Ende bist

Reden wir Tacheles über Selbstfürsorge. Das ist kein Wellness-Gedöns, das ist die verdammte Basis. Wenn dein Nervensystem im roten Bereich ist, kannst du gar nicht empathisch sein. Da schaltet das Hirn auf Steinzeit-Modus: Angriff oder Flucht. Wenn dein Stresslevel bei 180 ist, schaltet dein Gehirn die Verbindung zum präfrontalen Cortex schlichtweg ab. Du kannst dann gar nicht anders als zu „funktionieren“ oder zu explodieren.

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Stell dir vor, deine Kapazität für Empathie und Geduld ist wie Wasser in einem Krug. Den ganzen Tag schenkst du daraus ein: Ein Schluck für das weinende Baby, ein großer Becher für den Wutausbruch beim Anziehen, ein bisschen für das Jonglieren der Alltags-To-Do-Liste im ständigen Wandel. Doch wer füllt deinen Krug eigentlich auf?

Wenn dein Krug leer ist, kannst du nichts ausschenken. „Sich-selbst-spüren“ im größten Familienchaos ist die Königsdisziplin. Bei dir selbst zu bleiben, wenn dein Kind gerade die Wände bemalt, ist die schwerste Übung der Welt. Aber sie ist essenziell. Wenn du nicht lernst, dich selbst zu regulieren, bevor du das Kind regulieren willst, fährst du die Karre mit Ansage gegen die Wand. Werde dir deiner selbst bewusst, bevor du versuchst, dein Kind zu bändigen. Selbstfürsorge ist die Basis für Kooperation. Sieh und hör dich selbst, das ist Selbstempathie.

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Das Erbe unserer Eltern: Warum uns „nicht hörende“ Kinder triggern

Wir alle schleppen einen Rucksack mit uns rum. Wenn du früher für Widerstand eins auf den Deckel bekommen hast (egal ob körperlich oder durch Liebesentzug), dann flippst du heute aus, wenn dein Kind nicht pariert. Dein Hirn schreit: „Gefahr!“.

Du reagierst in dem Moment nicht auf das Kind vor dir, sondern auf deinen eigenen alten Schmerz. Du kämpfst gegen die Geister deiner Kindheit. In meiner eigenen Mutterschaft war das der Moment, in dem ich meine Große für ihre heftige Wut und körperliche Übergriffe auf die kleine Schwester verurteilt habe. Ich habe sie allein gelassen, weil ich meinen eigenen Schmerz nicht aushalten konnte.

Hier kommt wieder die Haltung und deine Verantwortung ins Spiel: Du bist die Erwachsene. Du bist heute sicher. Hör auf, dein Kind zum Feind zu machen, nur weil es deine alten Wunden berührt. Übernimmt die Verantwortung für deine Wunden. Wir dürfen lernen, die Kette der Konditionierung zu unterbrechen, damit wir unseren Kindern nicht die Last unserer eigenen Geschichte aufbürden.

Fazit: Klare Kante, weiches Herz

Weg vom Perfektionismus hin zur liebevollen Führung.

Heute bleibe ich ruhig, wenn die Fetzen fliegen. Wenn meine Kinder sich prügeln, gehe ich dazwischen. Ich trenne sie, aber ich lasse keinen allein. Ich verurteile sie nicht, sondern ich sehe die Not dahinter. Ich höre heute Bedürfnisse, keine Schimpfwörter.

Erziehung ist kein Machtkampf, den du gewinnen musst. Es geht um Verbindung. Dafür braucht es vor allem eines: deine Klarheit.

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Willst du die Theorie endlich auf die Straße bringen?

Theoretisch wissen wir alle, wie es läuft. Aber in der Praxis hapert es. In meinen Workshops und in meiner 1:1 Begleitung arbeiten wir genau an diesem Übergang: Wir unterhalten uns nicht nur theoretisch, sondern wir arbeiten ganz konkret an deiner Haltung. Wir schauen uns deine Trigger und dein unerfüllten Bedürfnisse an und sorgen dafür, dass du die souveräne Pilotin deiner Familie wirst. Alltagstauglich.

Bist du bereit für echte Verbindung statt bloßem Funktionieren? Dann melde dich für ein Erstgespräch oder komm in den nächsten Workshop. Wir kriegen das hin.

In den Online-Workshops geht es in die Umsetzung

Marina Schneider LilaLiebe

Und jetzt?

Hast du dich in Passagen dieses Beitrags wiedergefunden und wünscht dir jemanden, der dich wirklich hört und sieht?

Lass uns unverbindlich sprechen. Du musst da nicht alleine durch. Hol dir eine extra Portion Empathie für dich und nimm dir einen ersten Impuls für den Alltag mit. Ich freue mich darauf, dich kennenzulernen!